Deutschlandtour Teil 2

„Sonne, leuchte mir ins Herz hinein,
Wind, verweh’ mir Sorgen und Beschwerden!
Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,
Als im Weiten unterwegs zu sein.

Nach der Ebene nehm’ ich meinen Lauf,
Sonne soll mich sengen, Meer mich kühlen,
Unsrer Erde Leben mitzufühlen,
Tu ich alle Sinne festlich auf.

Und so soll mir jeder neue Tag
Neue Freunde, neue Brüder weisen,
Bis ich leidlos alle Kräfte preisen,
Aller Sterne Gast und Freund sein mag.“

Mit diesem „Reiselied“ bringt es Hermann Hesse für mich auf den Punkt und umschreibt ziemlich gut meine „Deutschlandtour Teil 2“. Ich weiß zwar nicht, wie der olle Hesse sich fortbewegt hat, aber er hat wohl doch auch Ahnung vom (Renn)radeln gehabt. Die erste Strophe ist mir unterwegs begegnet und hat mich tief bewegt. Doch dazu später mehr.
Jetzt habe ich schon soviel über meine Ideen zur Ideen für Rennradtour 2016 geschrieben, dabei hab ich noch gar keinen Bericht über die letztjährige Tour geschrieben. Nach 11 Monaten wird es also mal Zeit. Während ich dies schreibe, ist es auch schön warm und ich kann diese Hitzeschlacht besser memorieren.

Norden

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1. Tag 58 km Kahla – Bad Kösen

001_D2_BruchsalHbf_Basso_20150809

Im Chiemsee Richtung Norden Rückblick hatte ich es angedroht: I’ll be back. Also startete ich genau dort, wo ich ein Jahr zuvor aufgegeben hatte, am Bahnhof Kahla an der Saale. Nur halt etwa 20°C wärmer. Wegen der Anreise mit der Bahn war es aber schon Nachmittag und nur noch Zeit für eine kleine Etappe entlang der Saale. Durch Jena kam ich just während des legendären DFB-Pokal-Spiels Carl Zeiss Jena gegen den Hamburger SV. Nicht nur am Stadion auch in der Innenstadt war die Stimmung leicht geladen. Also schnell weiter…
Das ging dann aber irgendwie nicht mehr so recht. Wie man im Verlauf eines touristischen Flussradwegs hinter einer Kurve eine derartige knackige Steigung ohne Warnschild lassen kann, ist mir unbegreiflich. Mit meinen Rahmenschalthebeln hat sie mich „kalt erwischt“ (blödes Wortspiel bei der Hitze). Danach fing dann die Kette an zu springen und ich konnte die Ursache nicht gleich finden. Vielleicht weil mir beim Draufschauen der Schweiß in die Augen gelaufen ist. Die angerissene Kette hab ich jedenfalls erst am nächsten Morgen entdeckt.

001_D2_BadKösen_Basso_Kette_20150810

2. Tag Bad Kösen – Wettin (Saale) 97 km
Der Fachmann in Naumburg fand, dass eine neue Kette nur mit neuem Ritzelpaket geht und hat mir nur die Kette geflickt. In der Zeit konnte ich mir den Dom (Weltkulturerbe) anschauen. Weil ich der Kette noch nicht so recht traute und weil es so heiß war, wählte ich die steigungsarme Variante weiter an der Saale entlang.
Der dicke Exkanzler hat damals von blühenden Landschaften gesprochen. Ich finde, was im Osten am meisten blüht, ist die Fantasie, was man alles als Radweg ausschildern kann.

009_D2_Kleinkorbetha_GasthausAdler_20150810
Als Symbolbild für die Trostlosigkeit der Gegend mag dies Foto des ehemaligen Gasthaus Adler in Kleinkorbetha stehen.

017_D2_SchlossDieskau_Tacho_20150810
„Sonne soll mich sengen.“ Ja, hat sie gemacht. So dass ich mich die ganzen Tage echt zum Essen zwingen musste, Kreislaufprobleme hatte (nicht beim Radeln, nur in den Pausen) und nach 90 km Oberschenkelkrämpfe bekam. Abends hab ich beim Anblick eines Salzstreuers so komische Heißhungerattacken bekommen.

3. Tag Witten – Saale – Bodetalradweg – Oschersleben 119 km

Deshalb kaufte ich am nächsten Morgen Salztabletten und alles wurde besser. Hätte ich beim Anblick der weißen Ränder auf allen Klamotten auch früher drauf kommen können. Um meine Laune zu verbessern, musste ich dann nur noch von der Saale auf den Bodetalradweg wechseln.

011_D2_Nienburg_Bode_Basso_20150811
Hat sich dann aber doch gerächt, weil ich abends ewig keine Unterkunft finden konnte. Da gibt es Städte (zumindest laut Ortsschild), die haben keine Läden oder Gasthäuser mehr! Erst außerhalb von Oschersleben wurde ich fündig. Hatte ich schon erwähnt, dass es heiß war?

4. Tag Oschersleben – Beetzendorf 98 km

Boah! Die Aller! Und ihre Quelle! Und ihr Radweg! Spektakulär!
Ne, war Spaß. Auf den ersten Kilometern sieht man die Aller erstmal gar nicht. Aber sie hat mich zur Grenzübergangs-Gedenkstätte Marienborn gebracht, wo ich schon immer mal hin wollte.

006_D2_GedenkstätteMarienborn_20150812

„Nach der Ebene nehm’ ich meinen Lauf“
Stimmt. Wurde immer flacher und ich wechselte vom Radlerland ins Alsterwasserland.

5. Tag Beetzendorf – Salzwedel – Lüchow – Dannenberg – Hitzacker – Elbe – Boizenburg 112 km

„Wind, verweh’ mir Sorgen und Beschwerden!“
Check. Den ganzen Tag warmer Wind von Norden, wie geht das denn?

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In Salzwedel steht auf der Fassade eines Fachwerkhauses die erste Strophe des Reiseliedes. Erstaunlich wie so ein alter Spruch dem Randonneur in der aktuellen Situation moralische Unterstützung bieten kann. Vorher hatte ich wegen anhaltender Hitze und damit verbundener Beschwerden schon ans Aufgeben gedacht.
Weiter über Lüchow und Dannenberg…das sind so Orte, von denen man schon mal gehört hat, wo man aber wohl sonst nie hinkäme. Ist aber ganz hübsch da und es hat den Anschein, als wohnte da viel Geld- und Bildungsbürgertum. Sind bestimmt Menschen, die mal zum Demonstrieren hinkamen und dann da hängen geblieben sind!?
Endlich erreichte ich dann die Elbe bei Hitzacker. Hitz acker? Blödes Wortspiel!

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Zu der Zeit gab es auf deutschen (Beton-)Autobahnen viele Probleme mit BlowUps und in Baden-Württemberg deshalb auch Tempolimits. Aber auf dem Elberadweg hätte ich nicht damit gerechnet.

6. Tag Boizenburg – Ratzeburger See – Priwall – Travemünde – Timmendorfer Strand 104 km

008_D2_Mölln_TillEulenspiegel_Basso_20150814

Schaut der Till Eulenspiegel in Mölln neidisch oder zweifelnd auf mein Basso? Man weiß es nicht. Hätte ich nicht ein Ziel vor Augen gehabt, wäre ich dort bis abends geblieben und hätte mir die Eulenspiegel-Festspiele angeschaut.

024_D2_Priwall_20150814

„Meer mich kühlen“
Jawoll, endlich! Und damit hätte der Tag enden können, aber ich brauchte ja noch eine Unterkunft. Wäre in Lübeck bei der Verwandtschaft kein Problem gewesen, aber ich wollte unbedingt an der Ostsee bleiben. Noch schwieriger als in einer strukturschwachen Region im Osten ist es in den beliebten Urlaubsgegenden, ein Bett für eine Nacht zu ergattern. Die Rezeptionisten in Travemünde haben mich jedenfalls allesamt sehr mitleidig angeschaut. Dank moderner Technik wurde ich dann in Timmendorfer Strand fündig. Danke nochmal an das Personal des Baltik Kunsthotels, die mir sehr lieb geholfen haben. Hübsch ist es dort obendrein.

7. Tag Timmendorfer Strand – Neustadt/Holstein 20 km

Die letzten 24 Stunden waren dann nochmal sehr ereignisreich. Auf dem Weg nach Neustadt bin ich dann nach all der Hitze endlich auch mal wieder in einen starken Regenschauer geraten. In Neustadt konnte ich eine Cousine in der Reha besuchen, die es etwas übertrieben fand, dass ich dafür über 600 km mit dem Rad gefahren bin 😉
Dann bin ich mit dem Zug nach Bad Schwartau gefahren, um eine Tante zu besuchen. Da sie „keine Zeit hat, dauernd in Facebook reinzuschauen“, war sie etwas überrascht, mich zu sehen.

Die Heimreise! In Lübeck Hbf versuchte ich einen Nachtzug oder alternativ einen IC für den nächsten Tag zu buchen. „Mit Fahrradmitnahme? Kein Chance!“
Ich landete dann in einem Lumpensammler-IC von Hamburg über Köln nach Mainz, der die ganze Nacht durchfuhr. Zug fahren kann ja so INTERESSANT sein. Man hat jedenfalls immer was zu erzählen. Das würde jetzt hier aber zu weit führen und einen eigenen Artikel füllen.

Ein Fazit braucht es hier nicht, das steht schon in Ideen für Rennradtour 2016.
Nur soviel: Ziel erreicht, nach meiner Definition bin ich einmal durch ganz Deutschland geradelt, zumindest von den Alpen bis ans Meer.
Jugendtraum erfüllt!
Das erstaunlichste bleiben die gegensätzlichen Wetterkapriolen in den beiden Jahren. Dauerregen auf der einen Seite, unerträgliche Hitze auf der anderen. In der Nachschau fällt mir auf, dass ich wohl auch deshalb nicht so viele schöne Fotos gemacht habe, wie ich es mir wünschen würde. Wobei tendenziell die Fotos vom ersten Jahr schöner und stimmungsvoller sind, aber ich hab das Handy halt nicht so oft rausgeholt. Im zweiten Jahr haben die Fotos fast alle einen Schleier – Dauerschweiß und grelles Licht hinterlassen ihre Spuren. Für dieses Jahr habe ich schon eine Lösung gefunden, die Digitalkamera am Rucksack zu befestigen.

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Ein Gedanke zu “Deutschlandtour Teil 2

  1. Pingback: Alle meine Räder | Stefan Hock's Blog

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